LonelyDreamerAI The Edge of Stigma
Kapitel 4 · Staffel 1
04

Hitze

Simon flüchtet in die leere Umkleide, um die Demütigung abzuwaschen — doch Jacob wartet dort, und im heißen Dampf zerreißt endlich die Grenze zwischen Hass und Verlangen.

Um diese Stunde war der Umkleideraum neben der Sporthalle leer.

Es fand kein Training statt, und die langen Reihen grüner Spinde standen still, die Stille nur unterbrochen vom gleichmäßigen Tropfen des Wassers irgendwo in den Duschen und vom Summen der Rohre in den Wänden. Simon war hierhergekommen, fast ohne zu wissen wie — seine Beine hatten ihn von selbst hergetragen, weg von der Mensa, vom Gelächter, von fremden Blicken, an den einzigen Ort, an dem jetzt keine Menschenseele war. Die Cola war ihm im Haar getrocknet, hatte die Haut an seinem Hals zu einer klebrigen Kruste zusammengezogen, den Kragen seines Hoodies durchtränkt. Er musste sie abwaschen. Alles abwaschen.

Er begann, sich die von Cola verdorbenen Sachen vom Leib zu reißen — den Hoodie über den Kopf, das T-Shirt, alles andere —, bis er nackt mitten im leeren, hallenden Umkleideraum stand.

Sein Körper passte zu seinem ganzen Leben — wie geschaffen, um ihn vor fremden Blicken zu verbergen. Eine Haut, blass bis zur Durchsichtigkeit, im grauen Licht fast leuchtend, ohne die geringste Spur von Bräune, dünn und zart wie Zigarettenpapier: die Haut eines Menschen, der selten in die Sonne kommt und den noch seltener fremde Hände berühren. Darunter ließ sich eine zerbrechliche, unscheinbare Schönheit erahnen — die lange Linie des Halses, die zarten Schlüsselbeine, die glatte, haarlose Brust, die schmalen Hüften. Ein Körper, unberührt, rein, beinahe jungfräulich — einer, der in seinem ganzen Leben noch nicht eine einzige Liebkosung gekannt hatte, nicht eine einzige zärtliche Berührung.

Und über diesen blassen, unberührten Körper, seine ganze zerbrechliche Schönheit durchstreichend, breiteten sich die blauen Flecken aus.

Es waren viele, und alle waren verschieden. Gelbgrüne, schon am Verblassen, an den Rippen. Frische, violette, wie der Abdruck fremder Finger, an Schulter und Unterarm. Alte, als dunkler Schatten unter die Haut eingefressen. Eine ganze Landkarte des Schmerzes, die Simon auf sich trug, wie andere ihre Kleider tragen — und jeder Fleck hatte seinen eigenen Urheber. Da waren die Male von Jacob, fast beiläufig hinterlassen, im Vorübergehen. Da waren die Spuren von Craigs schweren Fäusten — der schlug richtig zu, mit Schwung, mit Genuss. Und darunter, tiefer und älter als alle anderen, lagen die allerersten — die des Vaters. Jene, mit denen einst alles angefangen hatte; jene, die ihn schon als Kind eine einfache und schreckliche Sache gelehrt hatten: .

Mager, sehnig, ohne ein Gramm zu viel, ganz aus scharfen Knöchelchen und langen, trockenen Muskeln unter leuchtender Haut. Zerbrechlich. Wehrlos. Verprügelt. Und dennoch — quälend, falsch, schmerzhaft schön.

Einer jener Körper, die man nicht ruhig ansehen kann. Einer jener, die zugleich zwei Begierden wecken — gleich stark und einander entgegengesetzt im Wesen. Ihn zu zerbrechen: ihn endgültig zu erledigen, ihn ganz und gar zu zerstören, diese irritierende, wehrlose, unverdiente Schönheit auszulöschen, damit es sie auf der Welt nicht mehr gäbe. Oder, im Gegenteil, ihn mit dem eigenen Körper zu bedecken, ihn vor allen abzuschirmen, ihn dorthin zu tragen, wo niemand ihn je wieder berühren könnte — nicht mit einer Faust, nicht mit einem bösen Wort, nicht einmal mit einem Blick. Und nichts, rein gar nichts dazwischen.

Er trat unter die Dusche und drehte den Hahn bis zum Anschlag auf, auf die heißeste Stufe.

Das kochend heiße Wasser traf seine Schultern, seinen Nacken, verbrühte ihn, und Simon wäre fast erstickt — doch er drehte es nicht kälter. Er wollte, dass es heiß war. Er wollte, dass das Wasser nicht nur diesen süßen, chemischen Dreck abwusch, sondern auch die Blicke und das Gelächter und sein eigenes zersprungenes Spiegelbild. Der Dampf stieg um ihn auf wie ein dichter Vorhang, legte sich auf die Fliesen, verwischte die Umrisse, und in diesem heißen, weißen Dunst fühlte sich Simon endlich geborgen. Verborgen. Er lehnte die Stirn gegen die glitschige Fliese, schloss die Augen, und das heiße Wasser rann an ihm herab, vermischte sich mit Tränen, die er längst nicht mehr bemerkte.

The Edge of Stigma · Hitze

Doch was in seinem Inneren war, das konnte das Wasser nicht abwaschen.

Denn selbst jetzt — zerschmettert, ausgehöhlt, unter den brühheißen Strahlen — spürte er, wie in ihm, gegen seinen Willen, dasselbe wieder aufstieg. Er brauchte nur die Gedanken loszulassen, und im heißen Nebel tauchte er wieder auf. Jacob. Seine Hände, seine Stimme, sein Gewicht. Die Szene in der Mensa lief ihm im Kreis durch den Kopf, doch verzerrt, vergiftet: Da neigte Jacob die Flasche über ihn — und im nächsten Augenblick schob ihm die Erinnerung nicht mehr die Cola unter, sondern seine Finger im eigenen Nacken, seinen heißen Atem an der Schläfe.

Simon schlug mit der flachen Hand hart gegen die Fliese. Hör auf. Hör auf, hör auf.

Wie er sich hasste. Dafür, dass selbst jetzt, nach allem, nach der öffentlichen Demütigung, ein kranker, verfaulter Teil von ihm sich noch immer nach dem Menschen sehnte, der ihn zerstörte. Nach dem, der ihm gerade Cola über den Kopf gegossen hatte, unter dem Gelächter eines ganzen Saals. Es war falsch, pervers, so beschämend, dass er sich am liebsten die Haut vom Leib gerissen hätte. Und dennoch — es zog ihn hin.

Er wusste nicht, wie lange er so unter dem Wasser gestanden hatte. Als er schließlich den Hahn zudrehte und die Stille über ihn hereinbrach, in den Ohren klingend, glühte seine Haut hochrot. Er schlang sich ein Handtuch um die Hüften, stieß die Duschtür auf — und trat in den Umkleideraum hinaus, überzeugt, dass er noch immer leer war.

Er irrte sich.

Auf der Bank an der hinteren Wand, lässig hingelümmelt, saß Jacob.

Er trug fast nichts — nur eine weiße Badehose, die eng an den Hüften saß; sein großer, kompakter, gebräunter Körper lag entspannt der Länge nach auf der Bank. Offenbar hatte er sich schon fürs Training ausgezogen. Als er die Schritte hörte, hob er gemächlich den Kopf.

The Edge of Stigma · Hitze

Und erstarrte einen Augenblick.

Vor ihm, in der Tür zu den Duschen, stand Simon — nass, nur ein Handtuch um die schmalen Hüften, dunkle Strähnen an die Stirn geklebt. Das Wasser rann über seine blasse, leuchtende Haut, über die hervorstehenden Schlüsselbeine, die sehnigen Arme hinab. Schmächtig, entblößt, wehrlos, noch nicht abgekühlt von der heißen Dusche.

Jacob ließ den Blick über ihn wandern, langsam, aufmerksam, ohne die geringste Scheu — von oben nach unten und wieder zurück. Und irgendwo tief in seinem Inneren, an jenem Ort, dessen Existenz er selbst vor sich leugnete, wurde der vertraute Hunger auf einmal dichter, dicker, schwerer. Jacob begriff selbst nicht, was mit ihm geschah. Er spürte nur, wie ihm der Mund trocken wurde.

Auf seinem Gesicht trat langsam ein vertrautes, raubtierhaftes, triumphierendes Grinsen hervor.

„Hallo, Kleiner", sagte er gedehnt und leise, und in seiner Stimme lag etwas Neues, eine zähe, raue Heiserkeit.

Simon erstarrte. Sein Herz sackte weg. Nackt unter dem dünnen Handtuch, nass, und kein einziger Weg zu dem Spind mit seinen Kleidern — nicht, ohne dicht an ihm vorbeizugehen.

„Jacob...", Simons Stimme zitterte und brach. Er wich zurück, presste die Schulterblätter gegen das kalte Metall der Spinde, und in seinen Augen standen bereits Tränen. „Bitte. Lass mich in Ruhe. Es reicht. Ich kann nicht mehr, einfach... lass mich in Frieden, ich flehe dich an."

Er schluchzte beinahe — gehetzt, jämmerlich, ohne einen Funken seiner früheren Frechheit. Von dem Kerl, der noch vor einer Stunde in der Mensa sein „Idiot" zwischen den Zähnen hervorgestoßen hatte, war nichts mehr übrig: Vor Jacob stand ein zu Tode verängstigter Junge, an den äußersten Rand getrieben, bereit zu betteln.

„Bleib locker, Alter." Jacob erhob sich träge von der Bank, und jede seiner Bewegungen war gemächlich, sicher, wie die eines Raubtiers, das weiß: Die Beute hat keinen Fluchtweg. „Ich war vor dir hier. Hab mich nur fürs Training umgezogen. Es fängt in ein paar Minuten an."

Er ging auf Simon zu — langsam, breitbeinig wiegend, und versperrte mit seinem Körper den ohnehin engen Raum. Simon presste sich immer fester gegen die Spinde, doch es gab kein Zurück, und Jacob sah das genau. Sah, wie er fein zitterte — nackt, nass, in die Ecke getrieben, von einem einzigen Handtuch bedeckt. Sah die Tropfen, die noch über die blasse Haut liefen, die vor Entsetzen geweiteten Augen, die krampfhaft auf und ab zuckende Brust.

Und bei diesem Anblick — bei der Hilflosigkeit des anderen, bei der Art, wie dieser schmächtige, zitternde Junge den Rücken in das kalte Metall drückte, unfähig zu fliehen wie sich zu wehren —, stieg in Jacob erneut etwas auf, wurde schwer, füllte sich mit dunkler Hitze. Es gefiel ihm. Es gefiel ihm weit mehr, als es sollte — und der Gedanke daran, der am äußersten Rand seines Bewusstseins entlangglitt, wurde sogleich verworfen, niedergedrückt, verboten.

Er blieb dicht vor ihm stehen. So nah, dass Simon die Hitze seiner Haut spürte, jenen Geruch spürte — erhitzt, schwer, männlich, den, der ihm im Wachzustand ebenso den Kopf vernebelte wie in seinen beschämenden Fantasien. Groß, heiß, fast nackt, beugte sich Jacob über ihn und stützte eine Hand gegen den Spind dicht neben seinem Kopf, sperrte ihn zwischen sich und das kalte Metall.

„Weißt du", sagte er beinahe zärtlich, und diese Zärtlichkeit jagte Simon einen Schauer über den Rücken, „ich glaube, in der Mensa bin ich ein bisschen zu weit gegangen."

In seinem Ton lag nicht der geringste Anflug von Reue.

„Aber du hast mich zuerst einen Idioten genannt. Erinnerst du dich, Kleiner?"

Simon atmete schnell, flach, stoßweise. Er blickte von unten in die verdunkelten Augen seines Peinigers, und es schüttelte ihn — er wusste selbst schon nicht mehr, ob vor Angst oder wegen jenes Dunklen, Beschämenden, das ihm zur Antwort in ihm aufstieg.

„Warum machst du das die ganze Zeit...", presste er beinahe lautlos hervor. „Ich habe dir doch nichts getan."

Statt zu antworten, hob Jacob langsam die Hand. Feste Finger schlossen sich um Simons Kinn — hart, besitzergreifend, zwangen ihn, den Kopf zu heben, das Gesicht darzubieten. Der Daumen legte sich auf seine Unterlippe, drückte leicht. Ihre Gesichter waren einander ganz nah, ihr Atem vermischte sich.

The Edge of Stigma · Hitze

„Wenn du willst, dass ich sanfter mit dir bin, Kleiner...", hauchte Jacob ihm fast auf die Lippen, seine Stimme heiser, erloschen, „...dann bitte darum. Bitte richtig darum."

Simon zitterte heftiger. Er wusste, dass er diese Hand wegstoßen, den Kopf abwenden, fliehen sollte — doch er konnte es nicht. Sein Körper verriet ihn auf die beschämendste Weise: Der Atem stockte ihm, eine Gänsehaut lief über seine Haut, und zu seinem eigenen Entsetzen wich er den fremden Fingern in seinem Gesicht nicht aus, sondern lehnte sich ihnen kaum merklich entgegen, so wie man sich der Wärme entgegenstreckt.

Und Jacob spürte es.

Er erstarrte einen Augenblick, und in den verdunkelten Augen blitzte etwas Neues auf — Überraschung, Wiedererkennen, und darunter, tiefer, eine dunkle, zähe Befriedigung. Mit dem Daumen fuhr er langsam über Simons zitternde Unterlippe, zog sie ein wenig herab, ohne den schweren Blick von ihm zu nehmen.

„Sieh mal einer an", raunte er heiser, beinahe spöttisch, doch in diesem Spott war die frühere Leichtigkeit nicht mehr — die Stimme war schwer geworden, war dick geworden. „Dir gefällt das ja. Nicht wahr, Kleiner? Dir gefällt es, wenn ich so nah bin."

„Nein...", presste Simon fast lautlos hervor, und dieses „Nein" klang wie die jämmerlichste Lüge der Welt. Tränen der Scham brannten ihm in den Augen. „Bitte..."

„Bitte — was?" Jacob rückte noch näher, ganz dicht heran, und jetzt berührte seine heiße, fast nackte Brust beinahe Simons nasse Brust. Der spürte im Rücken das eiskalte Metall der Spinde und vorn die sengende Hitze eines fremden, kraftstrotzenden Körpers, nur Millimeter von seiner eigenen Haut entfernt. Zwei stockende Atemzüge, schnell und zerrissen, vermischten sich in der heißen Luft des Umkleideraums. „Dass ich aufhöre? Oder dass ich nicht aufhöre?"

Simon antwortete nicht. Er konnte es nicht. Er blickte von unten auf die fremden Lippen — ein paar Zentimeter von seinen entfernt — und in seinem Kopf war kein einziger klarer Gedanke mehr. Nur dieser betäubende, beschämende, über Jahre angestaute Hunger, der ihn ganz und gar ausfüllte, bis zum Rand, und weder der Angst noch dem Verstand Raum ließ.

Und in diesem Augenblick .

Der heiße Dampf, die fremde Hitze, der Atem auf seinen Lippen, die Finger an seinem Kinn, die schlaflosen Nächte, die Tabletten, der trübe Nebel der letzten Tage — all das verschmolz zu einer einzigen zähen, dunklen, betäubenden Woge. Die dünne Grenze zwischen dem, was Simon sich nachts so oft im fiebrigen Kopf ausgemalt hatte, und dem, was jetzt geschah, in Wirklichkeit, wurde dünner — und riss. Wie oft hatte er sich das ausgemalt: die Hitze eines fremden Körpers, den Geruch, die tiefe, heisere Stimme dicht an seinem Ohr. Und nun war all das echt, nur Millimeter entfernt, und sein erschöpfter, vergifteter Verstand unterschied das Wachsein nicht mehr vom Fieberwahn. Wo der Jacob seiner Fantasien endete und der begann, der leibhaftig vor ihm stand, hätte Simon nicht sagen können. Der Körper bewegte sich von selbst, jenseits des Verstands, jenseits der Angst, jenseits jedes Selbsterhaltungstriebs — getrieben allein von diesem beschämenden, ziehenden, über Jahre angestauten Hunger, dem er nicht mehr widerstehen konnte.

Simon beugte sich vor — reckte sich Jacobs Lippen entgegen, begehrte diesen Kuss mit seinem ganzen Wesen, begehrte, und sei es nur für einen einzigen Augenblick, das zu bekommen, wonach er sich seit so vielen Nächten verzehrte.

Jacob rührte sich nicht.

Er sah nur zu — reglos, aufmerksam, kalt. Beobachtete, wie dieser nasse, zitternde Junge sich ihm entgegenreckte, und in seinem Gesicht regte sich nicht das Geringste: keine Antwort, kein Verlangen, nicht einmal Ekel. Nur die kalte, zähe Neugier eines Raubtiers, unter dessen Augen die Beute plötzlich etwas Unerhörtes tut.

Und unerhört war es in der Tat. All die Jahre hatte Simon sich nur gefügt. Hatte ertragen, erduldet, sich hingegeben — hatte demütig alles hingenommen, was man ihm antat, und niemals, nicht ein einziges Mal, gewagt, auch nur einen Schritt von sich aus zu tun. Und jetzt hatte dieser stille, geduckte, stets gehorsame Junge sich auf einmal von selbst ihm entgegengereckt. Hatte selbst entschieden. War aus eigenem Willen zur Tat geschritten.

Und genau das konnte Jacob nicht ertragen.

Im Nu wich die kalte Neugier in seinem Gesicht einem harten, bösen, beinahe gekränkten Ausdruck — wie bei einem, dessen Sache, die stets gehorsam in seinen Händen gelegen hatte, es auf einmal wagt, sich von selbst zu regen. Wer hatte der Beute erlaubt, einen Zug zu machen? Wer, verdammt noch mal, hatte ihr gestattet, sich als Erste ihm entgegenzurecken?

Und ohne die fremden Lippen die seinen berühren zu lassen, stieß Jacob Simon mit aller Kraft von sich, mit beiden Händen.

Der Bildschirm erlischt.

Fortsetzung in der nächsten Episode.

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