LonelyDreamerAI The Edge of Stigma
Kapitel 5 · Staffel 1
05

Der Griff

Simons Kussversuch bringt Jacobs Wut zur Explosion. An der Kehle gepackt, sein jahrelang gehütetes Geheimnis ans Licht gezerrt, begreift Simon die grausamste Wahrheit: Niemand würde ihm je glauben.

Sein Rücken traf die Spinde, bevor Simon begriff, dass er flog.

Das Metall antwortete mit einem dumpfen, scheppernden Dröhnen, das durch die leere Umkleide jagte und sich lange nicht legen wollte. Der Hinterkopf schlug gegen die Tür; der Schmerz peitschte von den Schulterblättern aufwärts, bis in den Nacken, und für einen Augenblick wurde ihm schwarz vor Augen. Das Handtuch rutschte ihm von den Hüften — er fing es mit der einen Hand wieder ab, während die andere über den glatten, kalten Stahl tastete, auf der Suche nach Halt. Seine nackten Füße rutschten auf den nassen Fliesen weg. Ein paar endlose Sekunden lang versuchte er einfach nur, sich auf den Beinen zu halten und zu atmen — betäubt, mit dröhnendem Kopf, das Herz irgendwo in der Kehle hämmernd.

Und dann hob er den Blick.

Jacob stand zwei Schritte entfernt, dort, wo er immer stand — und in seinem Gesicht ging etwas Furchtbares vor sich. Das träge, gedehnte, beinahe zärtliche Spiel, das er die ganze Szene über getrieben hatte, glitt von ihm ab, wie Wasser vom Glas abgleitet, und darunter kam ein anderes Gesicht zum Vorschein — hart, versteinert, die Nasenflügel weiß geworden, die Augen bis ins Schwarze verdunkelt. Er sah Simon an, als sähe er ihn zum ersten Mal in seinem Leben. Und als hätte das, was er sah, kein Recht zu existieren.

The Edge of Stigma · Der Griff

Denn das Spiel war sein Spiel. Die Regeln darin gab er vor — immer, vom allerersten Tag an. Er entschied, wann man näher kam und wann man losließ, wann man zuschlug und wann man beinahe liebkoste. Und .

„Was machst du da, verdammte Scheiße?" Die Stimme war leise. Gleichmäßig. Beinahe ruhig. Und diese Gleichmäßigkeit ließ in Simon alles weit mehr erstarren als jedes Geschrei.

„Ich..." die Lippen gehorchten nicht. „Jacob, ich wollte nicht..."

„Du. Hast eben. Versucht. Mich. Zu küssen." Jacob ließ jedes Wort einzeln fallen, bedächtig, wie man Nägel einschlägt. Und dann brach es aus ihm heraus — er brüllte so laut, dass die Spindtüren erzitterten: „Du verdammte Schwuchtel, hast du dich gerade wirklich vorgebeugt, um mich zu küssen?!"

Simon presste sich mit dem ganzen Körper gegen das Metall, als hoffte er, es mit dem Rücken zu durchdringen und zu verschwinden. Der Körper reagierte früher als der Kopf — nach der alten, häuslichen, väterlichen Schule: erstarre. Mach dich kleiner. Sieh ihm nicht in die Augen, antworte der Wut nicht, atme nur jeden zweiten Atemzug. Die Schultern zogen sich von selbst hoch, das Kinn sank, die Knie gaben nach, bereit, den Schlag hinzunehmen, den er mit jeder Zelle erwartete. So hatte er unter fremdem Zorn tausendmal ausgehalten, und tausendmal hatte es ihn gerettet. Irgendwo ganz unten pochte noch eine jämmerliche, kindliche Hoffnung: Wenn er sich nur klein genug, still genug machte — würde das Gewitter an ihm vorüberziehen.

„Nein..." brachte er mühsam hervor. „Ich wollte nicht... es ist nicht, was du denkst..."

„Sag es noch mal." Jacob trat einen Schritt näher, ohne Eile, als hätte er die Ewigkeit vor sich. „‚Ich wollte nicht.' Los. Laut. Ich will dich hören, wie du mir ins Gesicht lügst."

Simon schwieg. Lügen hatte er nie gekonnt. Ihm gegenüber schon gar nicht.

Jacob überwand die verbleibende Distanz mit einem Schritt, und seine Handfläche legte sich um Simons Kehle.

Sie schlug nicht zu — sie legte sich, genau das. Breit, heiß, schwer umfasste sie fast den ganzen Hals: der Daumen fand die kleine Ader, die unter der Haut pochte, die übrigen Finger schlossen sich an der Seite, dicht am Nacken. Er drückte nicht wirklich zu — die Luft ging noch durch, dünn, mit einem Pfeifen — er hielt. Er wog ab. Er ließ ihn mit aller Deutlichkeit spüren, wie leicht sich diese Hand ganz hätte schließen können, und genoss es, es nicht zu tun.

Und er hielt ihn — Simon begriff das durch das Entsetzen hindurch, an der bloßen Genauigkeit der Bewegung — mit Gewohnheit. Mit Geschick. Direkt unter dem Kiefer, exakt so berechnet, dass am nächsten Tag nicht eine einzige Spur auf der weißen Haut bliebe.

Jacob drängte sich ganz an ihn, presste ihn nun nicht mehr allein mit der Hand gegen die Spinde, sondern mit seinem ganzen Wesen. Sein heißer, massiger, fast nackter Körper drückte sich gegen Simons nassen: Brust an Brust, ein Schenkel zwischen seine zitternden Beine geschoben, glühende Haut gegen abkühlende, feuchte. Ein rutschendes Handtuch und der dünne Stoff der fremden Badehose waren alles, was sie trennte, und diese Nähe war so betäubend, so obszön vollständig, dass Simon der Kopf zu schwindeln begann. Er hing zwischen der Handfläche an seiner Kehle und dem Körper an seinem — erdrückt, gekreuzigt, unfähig, sich zu rühren — und mit Grauen, mit Ekel vor sich selbst spürte er, dass ihm der Kopf nicht allein vom Luftmangel schwindelte.

The Edge of Stigma · Der Griff

„Ich hielt dich für einen verdammten Idioten, weiter nichts", sagte Jacob und beugte sich bis dicht vor sein Gesicht. Sein Atem war schwer geworden, laut; seine Nasenflügel weiteten sich. „Einen seltsamen, zappeligen, nutzlosen Idioten. Und es stellt sich heraus, dass du obendrein ein Perverser bist. Hast du wirklich beschlossen, dass du das darfst? Dass ich es erlaube? Dass ich..." — er ließ den Blick langsam, spöttisch über alles gleiten, was er gegen die Spinde gepresst hielt — „...dich brauche?"

Der Puls unter seinem Daumen hämmerte — schnell, klein, erstickt, wie der eines gefangenen Vogels. Jacob spürte ihn mit der ganzen Handfläche, und aus diesem Gefühl — ein anderes Leben, das in seiner Hand schlug, fremde Angst, die sich unmittelbar auf seine Haut übertrug — ergoss sich durch seine eigenen Adern eine dumpfe, zähe, bleierne Lust. Er begann tiefer zu atmen. Ihm war wohl. So wohl, wie ihm nur in solchen Augenblicken war — wenn dieser Junge zitterte, zerbrach, unter seinen Händen verging — und weder Priscilla noch das Spielfeld noch das Brüllen der Ränge gaben ihm etwas auch nur entfernt Ähnliches. Er sah diesem Gedanken nicht genauer nach, wie er es nie getan hatte. Er stand einfach da und trank die fremde Angst — gierig, in Zügen, wie man Wasser trinkt nach langem Durst. Und verbot sich zu bemerken, dass es hier nicht nur Simon war, dem der Atem stockte.

Sein Blick glitt tiefer — über das zurückgelegte blasse Gesicht, über den Hals unter der eigenen Handfläche, über die nackte Brust, über die zuckenden Rippen — und blieb an den blauen Flecken hängen.

Aus der Nähe waren sie noch deutlicher: eine ganze Aussaat davon auf der weißen Haut, frische über verblassenden, Violett über Gelbgrün. Die eigenen erkannte Jacob sofort — die hier, an der Schulter, ein sauberer Fingerabdruck. Doch der breite Fleck an den Rippen, schwer, mit verwaschenen Rändern, war nicht von ihm. Craig. Seine Handschrift — mit Nachdruck zuzuschlagen, mit der ganzen Masse, ohne die Kraft zu bemessen, weil er nichts hat, womit er sie bemessen könnte.

Jacob betrachtete diesen fremden Fleck auf dieser Haut, und in ihm stieg langsam, von unten her, ein Ärger auf — dumpf, unerklärlich, bösartig. Es war kein Mitleid: Mitleid konnte er nicht, und er gedachte auch nicht, es zu lernen. Es war ein anderes Gefühl, weit hässlicher und weit weniger erlaubt, und er machte sich nicht daran, es zu entwirren. Er bewegte einfach die freie Hand — und grub die Finger in den violetten Fleck. Ohne Eile. Mit Druck. Simon in die Augen sehend.

Simon zuckte mit dem ganzen Körper zusammen; aus seiner umklammerten Kehle entfuhr ein dünner, erstickter Laut.

„Craig?", fragte Jacob beinahe salopp. Und ohne eine Antwort abzuwarten, neigte er ein wenig den Kopf: „Er hat's übertrieben."

Was das war — eine Einschätzung, ein Missfallen, — hätte niemand verstanden. Er selbst am wenigsten.

„Jacob...", röchelte Simon. „Bitte... so war das nicht..."

„Ach ja." Jacob beugte sich tiefer, bis dicht an sein Ohr, und seine Stimme sank, wurde gedämpft, einschmeichelnd, beinahe zärtlich — und diese Zärtlichkeit machte mehr Angst als das Brüllen. „Aber deine Augen sagen etwas anderes, Kleiner. Soll ich dir sagen, was sie sagen?" Sein heißer Atem versengte ihm die Schläfe. „Dass du gerade jetzt bereit bist, vor mir auf die Knie zu gehen. Ich müsste nur fragen — und du würdest es tun. Los. Sag mir, dass ich lüge."

Simon kniff die Augen fest zu. Über die Wange rann, brennend, eine Träne, und ihr folgte eine zweite.

Es war schlimmer als ein Schlag. Schlimmer als die Cola, schlimmer als das Gelächter einer ganzen Mensa, schlimmer als alles, was man ihm in all diesen Jahren angetan hatte. Denn früher hatte man ihn für das geschlagen, was er nicht war — für den Freak, den Sonderling, die bequeme Zielscheibe. Und jetzt, zum ersten Mal, hatte man ihn mit dem getroffen, was er tatsächlich war. Das Verborgenste, das Beschämendste, das, was er sogar vor seinem eigenen Spiegelbild verbarg, hatte Jacob mit einem einzigen Satz ans Licht gezerrt — und hielt es nun auf der offenen Handfläche, betrachtete es mit kalter Neugier, wie man etwas Kleines betrachtet, das unter einem Glas gefangen ist.

Und das Ungeheuerlichste von allem war, dass unter dem animalischen Entsetzen, unter der Scham, bei der man auf der Stelle hätte sterben mögen, noch etwas anderes in ihm klang — dünn, schmutzig, verräterisch — das, was er keiner lebenden Seele gestanden hätte und wofür er sich mehr hasste als Jacob, Craig und seinen Vater zusammen. Seine Kehle erinnerte sich an das Gewicht der fremden Handfläche mit mehr als nur Angst.

„Seit wann?", fragte Jacob plötzlich. Er wich ein wenig zurück und musterte sein Gesicht nun mit einem neuen Ausdruck — kalt, zäh, forschend. „Seit wann siehst du mich so an? Ein Jahr? Zwei?" Eine Pause, und leiser: „Die ganze Zeit?"

Simon antwortete nicht. Eine Antwort war nicht nötig: das Schweigen sagte alles, bis auf den letzten Tag.

Über Jacobs Gesicht ging eine seltsame Bewegung — kein Lächeln, sondern dessen Schatten, schief und dunkel. Er verarbeitete langsam, was er gehört hatte, und man sah beinahe, wie sich hinter seinen verdunkelten Augen das ganze Bild neu zusammensetzte: jedes vergangene Mal, jede dunkle Abstellkammer, jede Stunde, in der dieser Junge geschwiegen, ertragen und gehorcht hatte — all das sah jetzt anders aus. Die ganze Zeit. Die ganze Zeit war das, was er in Händen gehalten hatte, kein bloßes Spielzeug gewesen.

Die Umkleidetür krachte gegen die Wand.

The Edge of Stigma · Der Griff

„He! Was zum Teufel geht hier vor?!"

Der Trainer.

Was danach geschah, behielt Simon beinahe schärfer im Gedächtnis als alles Übrige. Jacob ließ ihn los — er riss die Hand nicht zurück wie einer, der auf frischer Tat ertappt wird, sondern ließ ihn los, genau das: ruhig, geschmeidig, nachlässig, wie man einen Gegenstand ins Regal zurückstellt, den man aufgenommen hatte, um ihn anzusehen. Er trat einen Schritt zurück. Und in der Sekunde, die er brauchte, um sich zur Tür zu wenden, setzte sich sein Gesicht vollständig neu zusammen: die Wut, der dunkle Hunger, der schiefe Schatten — alles war spurlos ausgewischt, geglättet, und dem Trainer lächelte schon der alte Jacob entgegen. Der goldene Junge. Der Kapitän. Der Stolz der Fakultät. Der offene Blick, ein leichter Verdruss über eine belanglose Störung, der ruhige Atem. Kein einziger Muskel verriet, dass drei Sekunden zuvor eben diese Hand an jemandes Kehle gelegen hatte.

Und diese Verwandlung jagte Simon einen echten Schauer ein — fast mehr als eine Minute zuvor. Denn er begriff auf einmal, mit voller und endgültiger Klarheit: .

„Alles in Ordnung, Coach", sagte Jacob leichthin. „Wir haben nur geredet."

Der Trainer wandte den schweren Blick von ihm zu Simon — nass, gegen die Spinde gepresst, mit verrutschtem Handtuch, die Hände zitternd.

„Simon? Stimmt das?"

Das Schweigen dauerte eine Sekunde. Die Wahrheit zu sagen war unmöglich — und nicht einmal deshalb, weil man ihm nicht glauben würde, obwohl man ihm nicht glauben würde. Sondern weil die Wahrheit nicht Jacob betraf. Die Wahrheit betraf ihn selbst — und man hatte sie soeben in eben diesem Raum laut ausgesprochen.

Simon nickte kaum merklich.

„Zieh dich an und raus." Der Trainer wandte sich an Jacob: „Und du — aufs Feld. Sofort."

„Bin schon unterwegs."

Doch Jacob ging nicht sofort. Ohne Eile, mit Genuss, zog er seine Tasche heran, holte das Trikot heraus und begann sich anzuziehen — bedächtig, ruhig, als gäbe es im Raum weder einen Trainer, der genervt in der Tür schnaubte, noch Zeit, noch das, was gerade geschehen war. Shirt. Shorts. Er setzte sich auf die Bank, um die Stollenschuhe zu schnüren — ohne Hast, in sauberen Schleifen. In dieser demonstrativen Langsamkeit lag die letzte, deutlichste Erinnerung: Hier bestimmt er. Immer er.

Als er an Simon vorbeikam, hielt er den Schritt für einen kurzen Moment an. Er berührte ihn nicht — das war jetzt nicht erlaubt. Er beugte sich nur so weit vor, dass allein Simon es hörte, und ließ halblaut fallen, beinahe zärtlich:

„Wir sind noch nicht fertig, Kleiner."

Und ging hinaus. Die Tür fiel hinter ihm und dem Trainer krachend zu und schnitt den Lärm des Flurs ab.

Die Umkleide wurde taub. Übrig blieben nur das Tropfen irgendwo in den Duschen, das Summen der Rohre in den Wänden und sein eigener stockender Atem, der sich um nichts in der Welt beruhigen wollte. Simon stand noch, hielt sich mit den Schulterblättern an den Spinden, weil seine Beine sich weigerten, ihn allein zu tragen. Seine Kehle erinnerte sich noch an die fremde Handfläche — an ihr Gewicht, ihre Hitze, ihre furchtbare, achtlose Macht — und er wusste, dass er sich noch sehr, sehr lange an sie erinnern würde.

Das Schlimmste war geschehen. Das Geheimnis, das er seit Jahren in sich vergraben hatte, tiefer als alle blauen Flecken, lag nun in fremden Händen.

Und was Jacob als Nächstes damit tun würde — daran vermochte Simon nicht einmal zu denken. Noch nicht.

Der Bildschirm erlischt.

Fortsetzung in der nächsten Episode.

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