LonelyDreamerAI The Edge of Stigma
Kapitel 3 · Staffel 1
03

Scherben

Jacob macht Simons Qual zum öffentlichen Spektakel, und hundert Handys gehen hoch, um es zu filmen. In Simon zerbricht etwas endgültig — und der Junge, der schweigend ertrug, kommt nicht zurück.

Die Mensa zur Mittagszeit glich einem Aquarium, in das man zu viele Fische gesetzt hatte.

Der Lärm stand dicht und vielschichtig im Raum — das Klappern der Tabletts, das Schaben der Stuhlbeine über den Boden, hunderte Stimmen, die sich zu einem einzigen, gleichmäßigen Summen verflochten. Und unter diesem Summen lag , nur sichtbarer. In der Mitte, im besten Licht, an den großen Fenstern — die Tische derer, die entschieden, wie der heutige Tag für alle anderen werden würde. Die Athleten, ihre Mädchen, ein Lachen, das selbst die erreichte, denen es nicht galt. Und an den Rändern, an den Wänden, näher zu den Mülleimern und zum Ausgang — alle Übrigen. Die Geduldeten. Die, die man zu übersehen versuchte.

Simon saß in der hintersten Ecke. Allein.

Vor ihm stand ein fast unberührtes Tablett — er hatte sich nur Essen genommen, um das Recht zu haben, hier zu sitzen, um nicht einmal durch das Fehlen eines Tellers aufzufallen. Er hatte Kopfhörer in den Ohren. Die Musik — alt, laut, fremd — schlug ihm direkt aufs Trommelfell, und Simon presste sich in sie hinein wie in die einzige Wand, die ihm geblieben war. Sie war sein Unterschlupf. Seine Art, den Raum zu verlassen, ohne vom Stuhl aufzustehen. Wenn man die Lautstärke nur weit genug aufdrehte, konnte man sich fast einreden, dass nichts von alldem — das Aquarium, die Mitte, die Ränder, die fremden Blicke — existierte. Dass er allein war. Wirklich, erlösend allein.

Fast.

✦ ✦ ✦

Denn selbst hier, hinter einer Wand aus fremden Gitarren und Schlagzeugen, war es in seinem Kopf nicht leer. In seinem Kopf war, wie schon die ganze letzte Zeit, Jacob.

Simon hatte ihn nicht gerufen. Er hätte alles gegeben, um dieses Bild aus seinem eigenen Schädel zu vertreiben. Aber Jacob kam von selbst — ungebeten, dreist, alles ausfüllend. Auch jetzt: Es genügte, dass Simon für eine Sekunde die Augen schloss, und schon entfaltete sich unter seinen Lidern, ganz ohne Erlaubnis, ein Bild. Kein Schlag. Kein Spott. Nicht die Finger eines anderen an seiner Kehle.

Ein Kuss.

Genau dort, im leeren Flur, den Rücken gegen das kalte Metall der Spinde gepresst. In dieser Fantasie lastete Jacob mit seinem ganzen Gewicht auf ihm — groß, heiß, schwer — und er roch, wie er immer roch: nach erhitzter Haut, nach fremdem Schweiß, nach Sportjacke, nach etwas Herbem und unverkennbar Männlichem, von dem es Simon im Kopf nebelig wurde. Eine von Jacobs Händen presste ihn grob gegen die Spinde, ließ ihn sich nicht rühren. Die andere stieg zu seiner Kehle hinauf — und kräftige Finger schlossen sich um seinen Hals, nicht bis zum Schmerz, aber so, dass kein Zweifel blieb, wessen Macht das war und wer hier der Herr war.

Jacob küsste ihn gierig, böse, besitzergreifend — so, wie er alles andere tat. Er atmete schwer, schnell, stoßweise, direkt auf seine Lippen, und in diesem Atem lag weit mehr Hunger als Zärtlichkeit. Er nahm. Er nahm sich endlich das, was Simon ihm so lange, so beschämt, so qualvoll, so verzweifelt hatte geben wollen. Und in dieser Fantasie wehrte Simon sich nicht — er kam ihm entgegen, öffnete sich unter der fremden Kraft, schmolz in ihr, und ganz unten, an Scham erstickend, wollte er nur eines: dass die Finger an seiner Kehle sich fester schlössen.

Die Vision war so dicht, so heiß, dass Simon tatsächlich der Atem stockte. Die Hitze stieß nach unten, gespannt und beschämend, das Blut hämmerte ihm in den Schläfen, und seine Wangen flammten auf — hier, mitten in der überfüllten Mensa, aus dem Nichts.

Er riss die Augen auf und schnappte nach Luft.

Er hasste Jacob. Hasste ihn mit allem, was noch lebendig in ihm war — für jeden blauen Fleck, jede Demütigung, all die verdorbenen Jahre. Es war ein echter, ehrlicher, hart erkämpfter Hass, und an ihm zweifelte Simon keine Sekunde.

Warum also — er fand keine Antwort, und es machte ihn langsam wahnsinnig — warum hatte sich der, den er so sehr hasste, in seinem Schädel eingenistet und wollte nicht weichen? Warum erwiesen sich der Hass und dieses zweite, beschämende, ziehende Gefühl wieder und wieder als ein und dasselbe, aus einer einzigen Wurzel wachsend?

Er wusste es nicht. Er fühlte sich nur krank. Kaputt. Und schuldig — als hätte er selbst, mit eigenen Händen, diese Fäulnis in sich hineingelassen.

✦ ✦ ✦

Ein Schatten fiel auf sein Tablett, ehe er die Kopfhörer abnehmen konnte.

The Edge of Stigma · Scherben

Jacob hatte nicht vorgehabt, hierherzukommen. Genauer — er hatte sich gesagt, dass er es nicht vorhatte. Er saß an seinem Tisch, in der Mitte, in seinem rechtmäßigen Licht, im gewohnten Kokon aus Lärm und fremder Aufmerksamkeit, und alles war genau so, wie es sein sollte. Nur das von heute Morgen ließ ihn nicht los. „Idiot." Leise, zitternd — und aus irgendeinem Grund weit tiefer unter die Haut gefahren, als es das Recht dazu hatte. Die Maus hatte die Zähne gefletscht. Und seit diesem Moment ertappte sich Jacob immer wieder dabei, mit den Augen die graue Ecke an der hinteren Wand zu suchen. Dabei, es einfach nicht auf sich beruhen lassen zu können.

Er hatte sich gesagt, dem Jungen müsse eine Lektion erteilt werden. Ihn in die Schranken weisen, ihn daran erinnern, wer wer war. Das klang klar und gewichtig — und war eine Lüge, die eine weit einfachere und weit beschämendere Wahrheit verdeckte: Er musste einfach wieder in seiner Nähe sein. Sehen, wie Simon zusammenzuckte. Wieder jenen scharfen, mit nichts vergleichbaren Auftrieb spüren, ohne den der Tag grau und leer blieb.

Er stand auf und griff sich vom Tisch eine offene Flasche Cola.

„Wo willst du hin?", warf Craig ihm träge hinterher, ohne den Blick vom Handy zu heben.

„Mich amüsieren", antwortete Jacob, ohne sich umzudrehen.

Simon zog einen Kopfhörer heraus. Er sah von unten zu der Gestalt hinauf, die sich über ihm aufgebaut hatte — und alles in ihm zog sich, wie gewohnt, zu einem kalten Klumpen zusammen.

„Jacob. Was willst du?"

Jacob lächelte — breit, zur Schau, für den ganzen Saal.

„Hey, Mann. Hab gedacht, eine Erfrischung könnte dir nicht schaden." Er kippte die Flasche ein wenig. „Hockst hier so allein rum und bläst Trübsal."

Simon hatte keine Zeit, weder zu antworten noch zurückzuweichen.

Jacob kippte die Flasche direkt über seinem Kopf aus.

✦ ✦ ✦

Die kalte, klebrige, dunkle Flüssigkeit ergoss sich über sein Haar, lief ihm übers Gesicht, in den Kragen, den Hals hinab, unter die Kleidung. Ein süßlich-chemischer Geruch stieg ihm in die Nase. Die Cola überflutete ihm die Augen, verklebte die Wimpern, tropfte ihm vom Kinn auf das unberührte Tablett.

The Edge of Stigma · Scherben

Und die Mensa — riesig, laut, lebendig — verstummte plötzlich.

Nicht auf einmal. In einer Welle. Zuerst verstummten die nahen Tische, dann die fernen, und schon hatten sich hundert Gesichter zu ihrer Ecke gedreht, und in der eingetretenen Stille war nur noch zu hören, wie die Tropfen gleichmäßig auf das Plastik schlugen.

Simon saß reglos da.

Er sprang nicht auf, schrie nicht, wischte sich nicht ab. Ein alter, bis in die Knochen eingefressener Instinkt hielt ihn an Ort und Stelle: erstarre, warte es ab, mach dich kleiner — und das Unwetter zieht vorüber. Er saß mit gesenktem Kopf, und die Cola lief von ihm auf den Boden, und jede Sekunde dieser Stille dehnte sich zu einer kleinen Ewigkeit.

Jacob verweilte über ihm. Und für einen kurzen Augenblick — Simon sah es nicht — wurde ihm plötzlich fast unwohl. Während er von oben herabsah, wie unterwürfig, wie ergeben dieser Junge auch das hinnahm, ohne den Kopf zu heben, spürte Jacob einen unangenehmen, unpassenden Stich, für den er keinen Namen fand und keinen suchen wollte. Aber der Saal sah zu. Der Saal wartete auf das Finale. Und Jacob zog es durch.

Er ließ Simon achtlos eine Papierserviette auf den nassen Scheitel fallen.

„Ups. Tut mir leid." Seine Stimme triefte vor durch und durch falscher Reue. „War ein Versehen."

Und die Mensa explodierte vor Gelächter.

All die Jahre hatte Jacob ihn im Ernst gequält — hart, einfallsreich, ohne Erbarmen. Er schlug ihn so hart, dass die blauen Flecke wochenlang nicht verschwanden; tat Dinge, an die Simon nicht denken konnte, ohne dass sich alles in ihm vor Entsetzen zusammenzog. Aber in der Öffentlichkeit erlaubte sich Jacob nur Kleinigkeiten — ein Stoß auf dem Flur, eine im Vorbeigehen hingeworfene Spitze. Alles wirklich Schreckliche hob er sich für die Minuten auf, in denen sie allein waren: in abgelegenen Winkeln, hinter verschlossenen Türen, dort, wo niemand sie sah, außer vielleicht Craig, der Schmiere stand. Es war ihr Geheimnis, ihre vor allen verborgene eigene Welt. Und dort, allein mit Jacob, hörte Simon — zu seiner eigenen Scham, seinem eigenen Entsetzen — auf, sich zu wehren: Er erstarrte, gab nach, ergab sich der fremden Kraft, denn im Dunkeln gehörte dieser Schmerz wenigstens nur ihnen, sonst niemandem.

Aber jetzt war es anders. Man machte ihn zum Gespött des ganzen Saals, auf einmal, unter hundert fremden Augen, unter erhobenen Handys. Und gerade das — die Öffentlichkeit, die Verwandlung seines Schmerzes in eine gemeinsame, gierige Belustigung — erwies sich als schrecklicher als jeder Schlag hinter verschlossener Tür.

Und dieses Gelächter — gemeinsam, satt, johlend, von allen Seiten auf ihn zurollend — erwies sich als zu viel. In Simons Kopf flammte etwas ohrenbetäubend weiß auf und erlosch. Der Schmerz war so groß, dass er aufhörte zu hören, aufhörte zu denken, aufhörte, sich selbst zu beherrschen — als hätte man ihn aus seinem eigenen Körper gerissen und an seiner Stelle nur ein einziges, massives, heulendes Dröhnen zurückgelassen.

Der Stuhl kippte krachend nach hinten. Seine Hände packten von selbst das Tablett und schleuderten es fort — Essen, Cola, Plastik flogen zur Seite und spritzten über den Boden. Einen irren, der Realität entrückten Augenblick lang stand Simon mitten in der summenden Menge — durchnässt, zitternd, das Gesicht von Cola und Tränen verschmiert — und dann trugen ihn seine Beine von selbst zum Ausgang, durch fremde Schultern hindurch, unter dem Pfeifen und Gelächter, das ihm in den Rücken flog. Er erinnerte sich später nicht einmal, wie er hinausgelaufen war.

✦ ✦ ✦

In der Herrentoilette war es leer und hallend.

Simon stolperte hinein, und die schwere Tür fiel hinter ihm zu, schnitt das Lachen ab und ließ nur das Dröhnen in seinen Ohren und seinen eigenen abgehackten Atem zurück. Er stürzte zum Waschbecken, drehte den Hahn voll auf und begann, sich die Cola wie besessen abzuwaschen — aus dem Haar, vom Gesicht, vom Hals. Das eiskalte Wasser lief an ihm herab, vermischt mit der klebrigen Süße, aber die Demütigung konnte es nicht abwaschen. Die hatte sich weit tiefer als unter die Haut gefressen.

Er richtete sich auf. Und hob die Augen zum Spiegel.

Von dort sah ihn sein eigenes Spiegelbild an. Ein bis ins Bläuliche blasses Gesicht, nasses, verklebtes Haar, vom Weinen rote, geschwollene Augen. Das wehrlose, jämmerliche Gesicht eines Menschen, an dem man sich jahrelang die Füße abgewischt hatte — und der es jahrelang schweigend zugelassen hatte. Das Gesicht eines Opfers.

Und beim Anblick dieses Gesichts überflutete ihn der Ekel.

Er hasste es. Hasste es verzweifelt, bis zur Übelkeit — dieses blasse, verwischte, verweinte Gesicht, das alles ertragen hatte. Das Gesicht eines Fußabtreters, an dem man sich jahrelang die Füße abgewischt hatte, während er nur schwieg und sich dem nächsten Schlag entgegenstreckte. Das Gesicht eines Scheusals, das seinen Peiniger hasst — und sich im selben kranken Kopf schmutzige, beschämende Fantasien über ihn ausdenkt. In dieser Sekunde . Jacob heuchelte wenigstens nicht. Aber der da, im Glas, war einfach nur erbärmlich.

Und zum ersten Mal in all den Jahren ertappte sich Simon bei einem einfachen, ruhigen, von innen versengenden Gedanken: Er konnte nicht mehr. Wollte nicht mehr. Eine Müdigkeit überkam ihn, so gewaltig, dass sie nicht in den Körper passte — Müdigkeit von sich selbst, von jedem nächsten Morgen, von der bloßen Tatsache, aufwachen und wieder dieses Ding im Spiegel sein zu müssen. Und irgendwo unter dem Hass und der Scham, ganz tief unten, öffnete sich still ein schwarzer Trichter, in dem es schon weder Wut noch Schmerz gab — nur ein gewaltiges, gleichmäßiges, totes Verlangen, dass das alles einfach aufhörte. Dass nichts mehr wäre.

Mit einem heiseren, unmenschlichen Schrei, der aus dem tiefsten Inneren kam, schlug Simon mit der Faust gegen das Glas.

Der Spiegel zerbarst. Risse schossen spinnennetzartig in alle Richtungen, die Scherben fielen klirrend ins Waschbecken, und das Spiegelbild zersprang in ein Dutzend schiefer, nicht zusammenpassender Stücke. Seine Knöchel brannten vor Schmerz, über den Handrücken lief ein dünnes Rinnsal Blut — aber Simon bemerkte es kaum. Er stand da, schwer atmend, und sah zu, wie sein eigenes zerschlagenes Gesicht ihn aus einem Dutzend Scherben zugleich anblickte.

The Edge of Stigma · Scherben

Er war weder stärker noch mutiger geworden. Er war einfach zerbrochen — leise, endgültig, ganz ohne Pathos — so, wie das zerbricht, was man zu lange in eine einzige Richtung biegt.

„Ich werde dich dafür bezahlen lassen, Jacob", hauchte er in die klirrende Stille. Seine Stimme kam leise heraus, fremd, furchtbar gleichmäßig. „Für alles. Du wirst es noch bereuen, mich angefasst zu haben."

Er verstand selbst nicht ganz, was er damit sagen wollte. Er hatte weder einen Plan noch Kräfte noch auch nur einen klaren Zorn — nur diese tote Gleichmäßigkeit anstelle seiner gewohnten Verzweiflung, die Gleichmäßigkeit eines Menschen, in dem innen alles auf einmal versagt, ausgebrannt und verstummt war. Er wusste noch nicht, was genau in ihm zerbrochen war. Wusste nicht, wohin es führen würde.

Er wusste nur, dass der alte Simon — der, der schweigend ertrug, sich in der Musik versteckte und bis zuletzt auf irgendetwas hoffte — nicht mehr da war. Er war zurückgeblieben, als Scherben auf dem Grund des Waschbeckens. Und ihn wieder zusammenzusetzen würde nicht mehr gelingen.

Der Bildschirm erlischt.

Fortsetzung in der nächsten Episode.

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