„Hey."
Ein einziges kurzes Wort – und die Luft im Flur wurde dick.
Jacob hob nicht die Stimme. Das hatte er nicht nötig. Er stellte sich einfach vor Simon, versperrte ihm den Weg zur rettenden Biegung, und die ganze Welt fügte sich gehorsam diesem Augenblick. Die nächststehenden Studenten verlangsamten den Schritt. Manche schielten herüber, manche verbargen ein Grinsen hinter der Hand, manche wandten sich vorsichtshalber ab – blieben aber, um zuzuhören. Alle kannten dieses Schauspiel auswendig: Wenn er sich einen Zeitvertreib gesucht hatte, gehörte es sich für die Zuschauer, bis zum Ende zuzusehen.
Und hier – Jacob fühlte es eher, als dass er es dachte – bekam der graue, trübe Morgen zum ersten Mal an diesem Tag einen Geschmack. Jene gleichmäßige, dumpfe Leere unter den Rippen, die ihn seit dem Erwachen genagt hatte, wich plötzlich zurück, verdrängt von einem heißen, prallen Andrang, dem er keinen Namen gab. Er stand über diesem stillen, gekrümmten Jungen, und durch seine Adern ergoss sich ein längst vertrauter, beschämender, mit nichts vergleichbarer Auftrieb – als wäre er erst in dieser Sekunde, hier, endlich wirklich erwacht.
Er fragte sich nicht, warum er das brauchte. Er wusste es auch so, auf der Ebene des Körpers: . Und das genügte, um immer wieder zu ihm zurückzukehren.
Jacob wusste selbst nicht, wie lange das schon ging, aber die Frist saß irgendwo griffbereit, vertraut wie eine alte Schwiele – knapp drei Jahre. In dieser Zeit hatte er manch fremdes Rückgrat gebrochen – Raufbolde, Hochmütige, solche, die glaubten, sich mit ihm auf eine Stufe stellen zu können. Und sie alle verhielten sich gleich: keiften zurück, suchten die Prügelei, drohten, liefen, um sich zu beschweren. Wehrten sich. Das war normal, das war verständlich, das reizte ihn nicht einmal richtig – es wies jeden bloß in die Schranken und langweilte ihn schnell.
Dieser aber nicht.
Dieser antwortete nie. Dieser nahm es einfach hin. Stand da und sog den Schlag in sich auf, und den Spott, und die Demütigung, die Schultern und die Augen gesenkt, still und ergeben, als sagte er mit seinem ganzen zusammengekauerten Körper: „Mach mit mir, was du willst." Und gerade davon – von diesem stummen Sichnichtwehren des anderen – wurde Jacob der Mund trocken, und in seinem Inneren spannte sich etwas Dunkles, Hungriges, in das er lieber nicht hineinsah. Er wusste nur, dass er mehr wollte. Dass er sehen wollte, wie dieser Junge sich unter ihm immer tiefer beugte. Und jedes Mal, wenn er sein Ziel erreicht hatte, ging er mit einem dröhnenden, beschämenden Klingen im Blut davon – und verachtete sich für dieses Klingen, genau bis zum nächsten Mal.
„Jacob, lass mich in Ruhe."
Simons Stimme kam leise heraus, fremd, kaum wahrnehmbar hinter dem Summen des Flurs. Er sah nicht in die Augen seines Peinigers – sondern auf den Kragen seiner Jacke, auf den rot-weißen Stoff, auf den stolzen goldenen Buchstaben. So war es leichter.
„Ich hab dir nichts getan."
Jacob lächelte. Langsam, mit Genuss.
„Alter." Er breitete die Arme aus mit gespieltem Erstaunen – weit, zur Schau, damit die ganze Galerie es sah. „Ich hab bloß gefragt, wie's dir geht. Und du schickst mich gleich zum Teufel?"
Und bei diesem Wort – ohne Ausholen, ohne Übergang – rammte er Simon kurz und hart die Faust in die Schulter.
Der Schmerz flammte weiß auf und rollte den Arm hinab bis in die Fingerspitzen.
Simon schwankte, kippte zur Seite, das Heft glitt ihm beinahe aus den feuchten Händen. Aber er hielt sich aufrecht. Und – schwieg.
Das war das Seltsamste, das Beschämendste an ihm. Der Körper wusste, was zu tun war, schon seit der Kindheit, wusste es besser als der Kopf: zuck nicht, schrei nicht, antworte nicht. Erstarr. Werde kleiner. Wart es ab. Und irgendwo ganz tief, unter der Kruste der Angst, glomm in Simon noch eine wilde, absurde, zähe Hoffnung – dass, . Dass es Jacob einfach langweilig würde. Dass sie eines schönen Tages nicht schlagen und nicht davonlaufen, sondern einfach … reden könnten. Wie Menschen. Diese Hoffnung war absurd, demütigend, hielt keiner Prüfung durch die Wirklichkeit stand – und Simon hielt sich an ihr fest, weil es sonst nichts gab, woran er sich hätte festhalten können.
Er ahnte nicht, wie seine Ergebenheit von außen aussah. Wie die gesenkten Schultern, der nicht erhobene Blick und dieses stumme „Mach, was du willst" von denen gelesen wurden, die über ihm standen. Er sah nicht, was dem Raubtier offensichtlich war: sein Schweigen hielt man nicht für Kapitulation. Man hielt es für eine Einladung.
Und wie schon so oft zuvor regte sich unter diesem Schmerz etwas anderes – das, was Simon mehr als alles auf der Welt an sich hasste.
Dort, wo die fremde Faust sich soeben in die Schulter gepresst hatte, antwortete die Haut nicht mit Schmerz allein. Unter ihr zog es, gegen seinen Willen, warm und beschämend – als nähme der Körper jede Berührung Jacobs, sogar diese, mit einer Gier auf, die er sich nicht einzugestehen wagte. Simon biss die Zähne zusammen, bis sie knirschten. Nein. Ich hasse ihn. Ich hasse ihn. Aber die Worte klangen auswendig gelernt und leer, und die Wärme unter der Haut verschwand nicht.
Er begriff nicht, was mit ihm los war. Begriff nicht, warum , so eng ineinander verschlungen, dass sich das eine vom anderen nicht mehr trennen ließ. Er wusste nur, dass er krank war. Dass in seinem Inneren etwas zerbrochen war und faulte, und dass er selbst daran schuld war.
„Jacob."
Priscillas Stimme klang träge und gelangweilt. Sie zog ihn am Ärmel, ohne Simon auch nur eines Blickes zu würdigen – so würdigt man einen nassen Fleck auf dem Asphalt keines Blickes, den Dreck unter den Füßen, die Leere.
„Die Vorlesung fängt in zwei Minuten an. Komm. Ich hab keine Lust, mir das anzusehen."
Für sie existierte dieser Junge schlicht nicht. Hintergrund, Mobiliar, ein Hindernis, nicht einmal der Verachtung wert. Aber aus dem Augenwinkel, während sie sich abwandte, bemerkte sie doch dasselbe, was sie schon am Morgen bemerkt hatte: wie ungern Jacob sich von seinem Spielzeug losriss. Wie sein Blick haftete, verweilte. Und wieder klirrte irgendwo ganz am Grund fein eine kalte, unbequeme Vorahnung – und wieder erstickte Priscilla sie, ehe sie zu einem Gedanken werden konnte. Unsinn. Er amüsiert sich bloß. Das macht er doch immer.
Jacob gab nach. Träge, wie ein sattes Tier, ließ er sich wegführen. Das Schauspiel war zu Ende; die Menge, die augenblicklich das Interesse verlor, strömte weiter ihren eigenen Geschäften nach.
Und da tat Simon etwas, das er nie zuvor getan hatte.
Vielleicht war der Schmerz in der Schulter schuld, der dumpf unter dem Stoff pochte. Vielleicht jene beschämende Hitze, die er so an sich hasste und für die er Jacob noch stärker hasste.
Vielleicht aber lag es an den Tabletten.
Ein paar Wochen zuvor – nachdem Craig ihm grinsend mit voller Wucht den Turnschuh in die Rippen gerammt hatte und man Simon zusammengekrümmt auf dem Boden eines leeren Flurs sitzend gefunden hatte, mit erloschenem, leerem Gesicht – hatte ihn doch jemand zum Universitätsarzt gebracht. Der leuchtete ihm mit einer Taschenlampe in die Pupillen, hörte ihn ab, stellte ein paar routinemäßige Fragen zum Befinden. Und Simon sagte, was er immer sagte, was er zu sagen gelernt hatte, noch ehe er lügen gelernt hatte: einfach überarbeitet. Schlafe in letzter Zeit schlecht. Nichts Ernstes, wirklich. Der Arzt nickte müde, ohne genauer hinzusehen, und stellte ihm ein Rezept aus – milde Antidepressiva, „um Schlaf und Stimmung auszugleichen". Simon ging und trug in der Tasche ein kleines Rechteck aus Papier davon, in dem .
Seither war die Welt um ihn herum stiller geworden. Dumpfer. Als hätte jemand – die fremden Stimmen hinter Glas geschoben, die scharfen Kanten der Dinge abgestumpft, die Angst und den Schmerz verwischt. Simon wehrte sich nicht gegen diese Dumpfheit; in ihr war es einfacher. Weniger zu fühlen. Er bemerkte nur nicht, wie er sich mit jedem Tag mehr in diesem stillen Trübe auflöste – und wie jene Stimme in seinem Inneren, die sich noch vor Kurzem ans Leben geklammert und geschrien hatte, dass es so nicht ginge, von Tag zu Tag schwächer wurde, ferner, undeutlicher.
Vielleicht aber hatte unter all diesen Jahren des Schweigens doch ein einziges glimmendes Stück Kohle überdauert – winzig, störrisch, der letzte Fetzen jenes Simon, der er vor alledem gewesen war – vor den blauen Flecken, vor der Schlaflosigkeit, vor jenem Tag im ersten Studienjahr, als er noch geglaubt hatte, man könne sich nach jemandem ausstrecken. Und dieses Stück Kohle stieß, gegen seinen Willen, zwischen den zusammengebissenen Zähnen hervor – leise, fast lautlos, aber laut genug, um zu erklingen:
„Idiot."
Simon erschrak davor, noch ehe es verklungen war. Das Herz sackte irgendwohin nach unten, in die Kälte. Warum. Warum hab ich das gesagt. Mein Gott, warum. All diese Jahre hatte er geschwiegen, hatte durch Schweigen überlebt, sich darin verborgen wie in einer Muschel – und jetzt, in einer einzigen dummen Sekunde, hatte er selbst den Mund geöffnet und den Sturm hereingelassen.
Es war zu spät.
Jacob blieb stehen.
Er hatte es gehört. In der Stille, die für sie beide eingetreten war, hatte dieses kurze Wort lauter geklungen als jeder Schrei. Er drehte sich um – langsam, sehr langsam –, und Simon sah, wie sich sein Gesicht veränderte. Der träge Triumph des Raubtiers, das sich an leichter Beute satt gefressen hatte, glitt plötzlich herab und machte etwas anderem Platz. Etwas Scharfem. Konzentriertem. Beinahe Gierigem.
Denn die Beute hatte aufbegehrt.
Die Maus, die er drei Jahre lang methodisch gejagt hatte, still, stimmlos, stets ergeben – hatte zum ersten Mal die Zähne gezeigt. Und das machte ihn, aller Logik zum Trotz, allem zum Trotz, was Jacob über sich wusste, nicht wütend.
Es packte ihn. Tief. An einer ganz und gar falschen Stelle.
In einer kurzen, gefährlichen Sekunde trat der undurchsichtige, gesichtslose „Freak" plötzlich als lebendiger Mensch vor ihn – mit seiner eigenen Wut, mit seinem eigenen Schmerz, mit seinem eigenen störrischen, unter der Asche glimmenden Feuer. Und dieser Aufblitz von Leben erwies sich als begehrenswerter, furchterregender und anziehender als jede Ergebenheit, die Jacob ihm all diese Jahre abgepresst hatte. Er verstand nicht, was genau soeben mit ihm geschehen war. Er fühlte nur, wie der Hunger in seinem Inneren aus einem dumpfen und vertrauten plötzlich zu einem scharfen wurde, gerichtet, mit einem Namen und einem Gesicht versehen.
Simons Gesicht.
„Kleiner", sagte er leise, und in diesem Wort lag mehr Drohung als in jedem Schlag, als in jeder Ohrfeige. Er ließ die dunkel gewordenen Augen nicht von Simon. „Ich bin noch nicht mit dir fertig."
Priscilla wartete ein paar Schritte entfernt auf ihn – und sah alles, hörte alles.
Zuerst, wie dieser graue, stets stumme Junge plötzlich aufbegehrte. „Idiot." Leise, zitternd, aber deutlich. Priscilla prustete vor Überraschung beinahe los: in all den Monaten, in denen sie diesem Schauspiel träge zugesehen hatte, hatte die Maus zum ersten Mal die Stimme erhoben. Komisch. Sogar niedlich in seiner Aussichtslosigkeit – als hätte die Fußmatte vor der Tür plötzlich versucht zu beißen.
Aber dann hörte sie das zweite Wort. Und das Lachen blieb ihr im Hals stecken.
„Kleiner."
Jacob ließ es so leichthin fallen, so selbstverständlich, als spräche er es nicht zum ersten Mal aus. Nicht „Freak". Nicht „Loser". Nicht „hey, du". Kleiner. So presst man es nicht zwischen den Zähnen hervor für jemanden, den man verachtet und zertreten will. So nennt man den, zu dem man zurückkehrt.
Als Jacob sie einholte, war auf ihrem Gesicht nicht der geringste Schatten eines Lächelns mehr.
„Warum hast du ihn ‚Kleiner' genannt?", fragte sie. Die Stimme kam ruhig heraus, aber unter der Ruhe klang eine Gereiztheit mit, die sie selbst nicht von sich erwartet hatte.
Jacob blinzelte. Sah sie mit aufrichtiger, beinahe ratloser Verwunderung an.
„Ich? Hab ihn Kleiner genannt?" Er runzelte die Stirn, als lauschte er dem Echo seiner eigenen Worte nach, an das er sich nicht erinnerte. „Ach komm. Hab ich gar nicht gemerkt."
Und das war das Schlimmste von allem.
Keine Frechheit, keine Herausforderung, keine Ausrede – sondern die reine Wahrheit. Er hatte tatsächlich nicht gehört, wie dieses Wort ihm von der Zunge gerutscht war. Priscilla aber hatte es sehr deutlich gehört. Und hatte gehört, was es war.
Der kalte Schauer, den sie den ganzen Morgen in sich niedergedrückt hatte, fügte sich endlich zu einem kurzen, sehr unangenehmen Gedanken.
Sie sagte nichts weiter. Hakte sich nur bei Jacob unter – fester als nötig – und führte ihn fort, zu den Vorlesungen, und trug das neue, unbequeme Wissen mit sich davon.
Simon aber blieb allein zurück, mitten in dem gleichgültigen, vorbeiströmenden Strom. Er drückte das Heft an die Brust, und seine Schulter brannte, und durch den Flur wehte noch, sich langsam legend, das Echo der fremden Drohung. Aber das war nicht das Schlimmste.
Das Schlimmste war, was unter seinen Rippen aufloderte – dort, wo man ihm in drei Jahren eben jenen unsichtbaren Kanal eingeschnitten hatte, der nur für einen einzigen Menschen auf der Welt offen stand. Statt Erleichterung, statt verspäteter Angst wuchs an dieser Stelle langsam, unaufhaltsam eine Vorahnung – schwer, dunkel, unausweichlich.
Er hatte soeben mit eigenen Händen einen Funken ins trockene Gras geworfen. Jetzt würde Jacob ihn ganz sicher nicht in Ruhe lassen – und Simon begriff nicht, warum dieser Gedanke in ihm nicht mit Entsetzen allein widerhallte.
Der Bildschirm erlischt.
Fortsetzung in der nächsten Folge.